Tom Meyer – Das Interview

Interviewer: Zu Beginn eines jeden guten Interviews steht die Frage, wer der Interviewpartner ist. Als Vorwort muss ich einfügen, dass ich Fragen zum Tod Deines Sohnes hier nicht stellen werde, da ich weiss, wie ungern Du diesen Privatbereich in die Öffentlichkeit trägst. Machen wir es einfach: stell Dich vor in der Art, wie Du es zu offiziellen Anlässen auch machst.
Tom Meyer: Oha, gut. Also, mein Name ist Thomas Meyer und ich bin ein Osnabrücker Junge mit Leib und Seele. Als Polizeibeamter vor ganz vielen Jahren angefangen, habe ich mich mit der Zeit durch viele Bereiche der Sicherheit, national wie international, gearbeitet, wurde Unternehmer und arbeite unter meinem persönlichen Motto „Mut zur Exzellenz“, was sich als Lebenseinstellung bewährt hat. Ich bin verheiratet, die Fliegerei ist ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben und ohne Sport werde ich nach zwei Tagen ungenießbar für mein Umfeld. Zumindest wird das intensiv kolportiert. Die Frage nach meinem Sohn beantworte ich in der Tat ungerne, weil es für mich nicht greifbar ist, was passierte. So einfach ist das. Ich mag Transparenz und Ehrlichkeit, bin religiös ungebunden und bestehe auf die Aussage, der Buddhismus hat mit Religion nichts zu tun. Da bin ich echt eigen. Ich bin privat für jeden Spaß zu haben und Langeweile ist garantiert kein Lebenszustand bei und mit mir, wenn ich meine Frau einmal zitieren darf. Ein Tag ohne Lachen und ohne Musik ist gleichbedeutend mit „kritischer Lebenszustand“ und wenn nichts mehr hilft, müssen Verbalakrobaten wie Jochen Malmsheimer, Georg Schramm oder Volker Pispers mein Elend beheben. Wobei ich diesen Jungs irgendwann einmal persönlich für deren positive Wirkung auf mich danken muss. Das ist im Grund schon alles.

Interviewer: Als Einstand ist das wohl in Ordnung. Um Deine Person ranken sich ja nun einige Gerüchte. Auf der einen Seite unbestreitbar ein Fachmann im Bereich der Sicherheit, auf der anderen Seite ein erfolgreicher Unternehmer, auch in anderen Branchen. Dein Lebenslauf ist beeindruckend und zeitgleich befremdlich oder sogar unstet. Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Tom Meyer: Ich hatte lange Zeit keinen Mentor, musste mir das Meiste selbst erarbeiten. Das ging nur, indem ich viele Erfahrungen an allen möglichen und unmöglichen Ecken der Welt sammelte. Mein Ziel war stets, im Bereich der Sicherheit ausqualifiziert zu sein. Dass ich Unternehmer wurde, war anfangs überhaupt nicht geplant, entwickelte sich im Laufe der Zeit aber so und macht mir mittlerweile ungeheuren Spaß. Wer Freude hat an dem, was er tut, hat Erfolg und kann auf breiter Front agieren.

Interviewer: Du hast einiges an Gesundheit im Polizeidienst eingebüßt, unter anderem hast Du Dir ein 38er-Geschoß eingefangen und Dir sogar das Genick gebrochen. War das schlussendlich das Ende Deiner Polizeidiensttauglichkeit?
Tom Meyer: Für den ehemaligen Dienstherren ja, für mich nicht. Ich bin fast 40 und bestehe noch immer jeden Einstellungstest bei den deutschen Exekutivbehörden im oberen Drittel der Leistungsanforderung. Soviel einmal dazu. Als ich damals bei dem missglückten Zugriff dabei und mir das Glück weniger hold war, zählte ich keine 27 Lenze und war folglich nicht Beamter auf Lebenszeit. Man musste mich loswerden, bevor ich zu teuer hätte werden können. Ob man absehen konnte, dass mein Körper folgenlos ausheilt oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Irgendwann wurde es mir zu bunt, gegen Windmühlen zu kämpfen.

Interviewer: Du bist also freiwillig gegangen! Ein böser Abschied?
Tom Meyer: Nicht freiwillig, aber der Abschied wurde mir sukzessive leichter gemacht. Als ich meine Personalakte einsah und feststellte, mit welchen Methoden gearbeitet wurde, ging der Kugelschreiber wie von selbst über das Kündigungsschreiben.

Interviewer: Also ein kurzer Weg von wertvoll zu wertlos. Ging es danach direkt zu Academi?
Tom Meyer: Nein, das hat ein paar Monate gedauert. Früher war das noch die Raven Group und da hat sich viel verändert, wie ich das so mitbekommen habe. Aktiv gesucht habe ich das Engagement dort damals nicht, ich wurde angesprochen und im Anschluss angeworben.

Interviewer: Du hast dort den Beruf des Private Military Contractor gelernt. Oder ist das ein reiner Fortbildungslehrgang? Du kamst ja aus dem Polizeibereich und nicht wie ich aus dem militärischen Sektor.
Tom Meyer: Man kann zusätzliche Qualifikationen erwerben, aber entweder gehört man in diesen Tätigkeitsbereich oder nicht. Möchtegernsoldaten und Walhalla-Sänger finden schnell den Ausgang. Der Rest bleibt solange in service, wie Körper und Geist mitspielen. Einige Kollegen, wie Du zum Beispiel, sind älter als ich und noch immer unterwegs in dieser verrückten Welt. Wir haben uns sehr gut ergänzt, nicht viele ehemalige Cops gehen diesen Weg und manches Mal konnten wir den Kollegen aus dem Militärdienst in den Trainings wertvolle Tips geben. Die Welt ändert sich und wir mussten uns anpassen. Das geht nur, wenn man im Team arbeitet und voneinander profitiert.

Interviewer: Wie waren Deine Einsätze und wo warst Du gerne und warum?
Tom Meyer: Es war eine gute Zeit, wenn man das mit ein wenig Abstand betrachtet. Aber es gab zahlreiche Einsatzszenarien, die legt man in eine Schublade und die bleibt für immer verschlossen.

Interviewer: Was sagst Du zu der Bezeichnung Söldner?
Tom Meyer: Was soll ich dazu sagen, Dominik? Die meisten Zivilisten wissen nicht, was diesen Beruf ausmacht, was die Bezeichnung Söldner oder Kontraktsoldat aussagt und dass es sogar in den Genfer Konventionen Reglements zum Umgang mit uns als Kombattanten gibt. Wir genießen nicht den Schutz bei Gefangennahme wie reguläre Angehörige von Streitkräften, können uns aber auf die Genfer Konventionen berufen. Es ist ein Beruf wie jeder andere auch. Die Kehrseite daran ist, dass man sich häufig für diesen Beruf beschimpfen lassen muss und von den gleichen Leuten dann in den Himmel gelobt wird, wenn man zum x-ten Mal seinen Hintern riskiert und ein mission accomplished zu vermelden hat. Vielen Polizeibeamten geht es nicht anders. Früher war Bulle zu sein ein ehrbarer und angesehener Beruf, das ist vorbei. Zeiten ändern sich.

Interviewer: In Deiner Zeit als Polizeibeamter bist Du einige Zeit beim SEK gewesen, hast also eine fundierte Anti-Terror-Ausbildung genossen. Zusätzlich hast Du Dich im Bereich Hostage Rescue Tactics im Ausland fortgebildet, bist in Sachen Counter Terrorism viel unterwegs gewesen. Wie viele Unannehmlichkeiten hattest Du deswegen mit deutschen Behörden?
Tom Meyer: Nur wenige. Man wird immer mit Argusaugen betrachtet, aber solange man sich benimmt, passiert auch nichts. Was im Hintergrund stattfindet, kann man nicht wissen, nur ahnen. An dieser Stelle bin ich fast dankbar für die Manipulation meiner Personalakte. Das nimmt ein wenig Druck von mir und bringt mehr Realität in den Behördenalltag. Und das meine ich jetzt ohne Ironie! Wenn eine Behörde mit mir noch keinen Kontakt hatte und sich schlau macht, finden die einen ehemaligen Kollegen aus einer technischen Sondereinheit des Bundes. Für die meisten ist das der Wasserwerferzug oder die Unterstützungseinheit. Im Grunde also harmlos. Du läufst wie viele andere auch als Logistiker im Militärdienst. Ist doch eine schöne Legende.

Interviewer: Ich schweige dazu jetzt mal einfach.
Tom Meyer: Aber grinst dafür umso mehr…

Interviewer: Du warst als Rettungssoldat unterwegs, hast Dich also vom Präzisionsschützen polizeilich erst zum Defense Marksman im Militärwesen umschulen lassen und dann eine medizinische Ausbildung zur Rettung und Bergung unter Kampfbedingungen draufgelegt. War die Umstellung groß und wie konntest Du das kombinieren?
Tom Meyer: Eigentlich war das eine tolle Sache. Salopp ausgedrückt ist der Vorgang der Schussabgabe immer ähnlich aufgebaut und Tango bleibt Tango. Der medizinische Aspekt in der späteren Fortbildung zum CSAR war jedoch in soweit interessant, als dass ich unendlich viel Neues lernen durfte, was ich nicht nur einmal im Zivilleben verwenden konnte. Es hat alles stets Minimum zwei Seiten, von daher war es schon eine Herausforderung und Förderung meiner selbst. Auch als Charakter.

Interviewer: Du hast Dir bei einem Fahrzeugunfall vor einigen Jahren das zweite Mal das Genick gebrochen. War es danach vorbei mit Deiner Zeit im Außendienst?
Tom Meyer: Erst einmal schon. Die Genesung war so eine Sache für sich und ich hatte viel damit zu tun, meinen Kopf in die Spur zurück zu drücken. Wenn man zu oft und zu lange an die Tür vom Teufel anklopft, muss man damit rechnen, dass der Kerl aufmacht. Dabei war es nicht einmal klar, dass der Dens wirklich gebrochen war, es lagen halt einige Schmerzareale übereinander und es wurde an anderen Stellen herumgebastelt und geschraubt, um die immer wiederkehrenden Lähmungserscheinungen in den Griff zu bekommen. Das mit dem Densbruch kam erst bei einer Röntgenuntersuchung letztes Jahr heraus, reiner Zufall.

Interviewer: Du hattest also mal wieder eine Schutzengelarmee im Rucksack dabei. Deine Frau sagt, dass Sie Dich zwar nicht in Einsatzlagen kennt, jedoch als Zivilist nicht anhand der Maschine erkennt, die Du als Pilot fliegst, sondern an Deinen (Zitat): „…nicht unbedingt vorschriftsmäßigen Flugmanövern.“ Um einmal ein Beispiel für Deine Art der Lebensführung zu benennen. Du riskierst immer alles, so scheint es.
Tom Meyer: Hm, ohne Anwalt tu ich mich mit einer Aussage schwer! Nein, im Ernst jetzt: ich vertrete nun einmal den Standpunkt, dass Bildung und ein Leben am Rande des Machbaren mich fit und einsatzfähig hält. Vor allem im Zivilleben, wo man sich nicht so abreagieren kann, wie ich es sonst konnte, ist der Druck im Verhältnis jedoch ähnlich hoch und da ist Fitness und das Wissen um Grenzen absolut wertvoll.

Interviewer: Was hat Dir die Pilotenausbildung gebracht? Gibst Du davon etwas an Deine Schüler weiter?
Tom Meyer: Natürlich. Gerade in der Fliegerei sind eigentlich bedeutungsarme Fehler schneller mit gefährlichen Konsequenzen verbunden als anderswo. Die Potenzierung von Fehlern ist die eigentliche Gefahr. Die resultiert aus nicht bemerkten oder zeitnah korrigierten Fehlern. Die meisten Tragödien im Flugwesen haben mit einem einzigen Fehler begonnen und daraus entwickelte sich am Ende die Katastrophe. Charakterstärke, Selbstdisziplin und Kritikfähigkeit sind hier wichtige Schutzeigenschaften. Das lässt sich doch herrlich auf die Aus- und Fortbildung von Sicherheitsfachkräften übertragen!

Interviewer: Du bist jetzt Zivilist, unterrichtest unter anderem Betriebswirtschaftslehre für die Industrie- und Handelskammern und an privaten Bildungsinstituten in ganz Deutschland, auch außerhalb der Sicherheitswirtschaft. Schüler und Ausbildungsleiter nennen Dich BWL-Gott. Wie passen Planung unternehmensstrategischer Ziele und Dein Leben als Söldner zusammen? Und sitzen die echten BWLer nicht an der Spitze von Großkonzernen wie Siemens, EON oder MAN?
Tom Meyer: Die Bezeichnung BWL-Gott ist mir eine Spur zu groß, ich mag es eher übersichtlicher dimensioniert in der Formulierung. Zudem ist da auch einiges an Spass in dieser Bezeichnung. Klar, zu unterrichten macht mir eine unglaubliche Freude, da unterscheide ich nicht bei den Fächern. Und wenn Schüler, die sonst an der Thematik BWL verzweifeln und Mathe als bösartigen Aggregatzustand empfinden, nach einem halben Jahr Unterricht bei mir Ihre Prüfungen mit tollen Ergebnissen gleich im ersten Anlauf schaffen, dann finde ich das toll. Vielleicht liegt der Erfolg aber auch darin, dass ich satt und reichlich Erfahrungen sammeln konnte und daher einer stark theoretischen Materie mit einer eigenen Fachsprache ein gerüttelt Maß Leben einhauchen kann. Manch ein Schüler hat einen verzweifelten Gesichtsausdruck, weil er richtig mitleidet, wenn ich von meiner Arbeit als Krisenmanager erzähle, von verzweifelten Auftraggebern, zickigen Kreditverwertern bei den Banken und unnachgiebigen Gläubigern. Meistens ergeben sich bei den entstehenden Diskussionsrunden viele Möglichkeiten, den zu vermittelnden Stoff einzubasteln. Was will ich denn mehr?

Interviewer: Es stimmt also, was man so munkelt. Du warst wirklich Gastronom, Großhändler für Friseurkosmetik mit eigenen Friseursalons und zuletzt Geschäftsführer eines mittelständischen Energieunternehmens?
Tom Meyer: Ja, das stimmt. Wenn ich nicht irgendwo in der Welt unter irgendeinem Sandhaufen gelegen habe, dann war ich in Deutschland nicht untätig. Ich werde zwar immer gefragt, vor allem mit zweifelndem Gesichtsausdruck, wie ich mit knapp 40 soviel habe leisten und lernen können, aber gerade in Deutschland wird ja jede offizielle Tätigkeit in irgendeinem amtlichen Register eingetragen. Das ist also nachprüfbar, was ich gemacht habe. Außerdem habe ich nie behauptet, dieses Tempo bis zum Rentenalter durchzuhalten.

Interviewer: Bist Du dabei ein richtiger Zivilist geworden? Es heißt: once a soldier, always a soldier.
Tom Meyer: Hm, richtig Zivilist im allgemeingültigen Verständnis ist und wird man nach einem solchen Lebensabschnitt nicht werden. Aber was möchtest Du genau wissen?

Interviewer: Ich meine, Du bist mal 1 Jahr Krisenmanager hier, mal 1 Jahr Geschäftsführer dort, Du baust ein Unternehmen auf oder sanierst es und gibst es danach ab. Als ob Du immer nur Missionen erfüllst, aber an keiner Sache lange festhalten möchtest.
Tom Meyer: Ja, das stimmt. Sagen wir es einmal so: jeder meiner Aufträge, ob unter Waffe oder reinweg nur in der sogenannten freien Wirtschaft, hat eine Gemeinsamkeit und das ist der bestehende Krisenzustand. Hier wird von mir nicht weiterführend differenziert, nur die Instrumente zur Lösung sind jeweils andere. Das wird selten verstanden von den Skeptikern meines Lösungsansatzes, also der von mir entwickelten Janus-Methode, die ja auf den Erfahrungen innerhalb meiner Tätigkeitsfelder beruht. Auf der anderen Seite bieten diese Menschen mir keine Alternativen an, von daher sehe ich die Kritik zwar mit offenen Augen, jedoch ist die Gewichtung anzupassen. Firmen in Not gibt es genug, da ist es okay, wenn man Skeptiker hat. Auch diese bringen mich als Unternehmer weiter. Mir gehen deshalb die Aufträge nicht aus.

Interviewer: Du hast einmal gesagt: meine Dämonen von früher sind die Engel meiner Schüler. Erklärt hast Du das bisher nicht.
Tom Meyer: Im Grunde ist es so einfach, wie es mich im gleichen Verhältnis stetig quält. Die ganzen Automatismen, welche sich auf die Hirnfestplatte gebrannt haben, begleiten mich ja mit jeder Sekunde. Ich starte das Auto nicht, wenn meine Frau sich davor oder dahinter befindet, beim Rückwärtsfahren ist das Radio leise und auf beiden Seiten sind die Fenster offen, eine Waffe wird ohne Übernahmeprüfung nicht angenommen, ich wechsele in einer Straßenkurve nur alleine den Seite und wenn ich jemanden dabei habe, suchen wir eine übersichtlichere Stelle und währenddessen wird nicht geredet, sonst höre ich die immer moderner und damit leiser werdenden Fahrzeuge nicht, ich fliege nicht mit Coolness, sondern technisch sauber nach Check-List und so weiter. Dem einen mag das steif und unspontan vorkommen, aber dafür kann ich in vielen Situationen ein größeres Leistungsspektrum abrufen, als andere in vergleichbaren Einsatzlagen. Und wenn ich diese Art von Übersicht und Eigenverantwortung im Handeln an meine Schüler und Kunden vermitteln kann, dann trage ich dazu bei, dass sich die Beauftragung meiner Person nachhaltig rentiert.

Interviewer: Du hast Lehrbücher geschrieben, arbeitest eng mit der Akademie für Sicherheit und dem Verlagshaus des Rechtsanwalts Jörg Zitzmann zusammen und unterrichtest branchenübergreifend. Aber erst jetzt, in Deinem 21. Jahr in der Sicherheit, gehst Du offensiv in die Vermarktung Deiner selbst. Warum?
Tom Meyer: Jörg Zitzmann hat mich damals direkt nach meiner mündlichen Prüfung zum Sicherheitsmeister abgefangen mit der Aussage: „Sie arbeiten in Zukunft für mich!“ Damit begann meine Laufbahn in der Erwachsenenbildung im zivilen Sektor. Dass wir nun schon seit einigen Jahren eng verbunden miteinander arbeiten und uns gegenseitig kritisieren und auch den Rat des jeweils anderen suchen, zeigt deutlich, wie richtig es war von Jörg Zitzmann, mich einzusammeln. Ich schulde ihm was.

Interviewer: Bist Du stolz auf Deinen guten Ruf?
Tom Meyer: Ja, warum denn nicht? Es ist ein Zeugnis davon, was ich alles richtig gemacht habe. Immerhin stehen in dieser Bilanz auch zahlreiche Fehler, die damit einhergingen. Ein guter Ruf zeugt von Kompetenz in allen Bereichen, die als Leistung am Markt offeriert und dort auch erbracht werden. Es ist für mich Motivation, meinen Weg weiter zu gehen. Mein Arbeitstag kennt nur selten Ruhezeiten. Es war schwer, den Sonntag als freien Tag zu betrachten, wenn gleich ich natürlich in den heißen Phasen vor den Prüfungen für meine Schüler auch an Sonn- und Feiertagen erreichbar bin. Mein Mobiltelefon ist ein ständiger Begleiter, denn Krisen und Notfällen ist es egal, welchen Wochentag wir gerade verzeichnen und wie spät es ist. Eine Kindesentführung passiert an Heiligabend wie auch an einem ganz normalen Mittwochnachmittag. Da muss ich greifbar sein für die Menschen, die meine Hilfe anfordern. Ich gebe mir aber Mühe, möglichst viel Zeit mit meiner Frau zu verbringen. Gerade bei ihr ist mir ein guter Ruf als Ehemann und Vertrauter extrem wichtig! Ja, ich bin stolz auf meinen Ruf.

Interviewer: Du vertrittst die Ansicht, dass es schade ist, wie Menschen um Religionen betteln und diese brauchen. Du selbst aber bist streng christlich erzogen worden, warst die meiste Zeit jobbedingt Einzelgänger und bist mit der Zeit zum Buddhismus gekommen. Gleichzeitig hast Du Menschen ihr Leben genommen. Wie passt das zusammen?
Tom Meyer: Zu letzterem sage ich, wenn ich in Deutschland bin, bekanntlich nicht viel. Es wurden zu keinem Zeitpunkt deutsche Staatsangehörige während meiner Einsätze durch mich geschädigt, eher das Gegenteil war der Fall. In meinem Job kann man nicht immer frei wählen, ob man geltendes Recht an dem Ort, wo man gerade aktiv ist, verletzt. Ich habe großen Bezug zu meinem Heimatland und von daher gab es den einen oder anderen Auftrag, den ich nicht angenommen habe. In Deutschland habe ich in meiner Zeit außerhalb von Diensten für Behörden keine Waffendienste geleistet.

Interviewer: Kommen wir zum Schluss nochmal auf die Frage zurück, ob die richtigen BWLer nicht in wirklich dicken Chefsesseln zuhause sind und wie der Begriff Söldner mit BWL zusammenpasst.
Tom Meyer: Was heißt hier richtige BWLer? Wenn meine Lebensplanung weiterhin so gut aufgeht, dann ist mein Universitätsabschluss in den Wirtschaftswissenschaften in Reichweite. Aber deswegen werde ich niemals den Vorstandsvorsitz von RWE oder Volkswagen bekleiden und das hat zahlreiche und auch gute Gründe. Zudem ist das aktuell nicht mein Ziel, obwohl ich dann per Definition ein richtiger BWLer bin. Ich habe einen Lehr- und Handlungsansatz und dieser befasst sich mit dem Erfassen und der nachhaltigen positiven Korrektur eines vorherrschenden Krisenzustandes in einem Unternehmen. Und glaube mir, da kann ein abgeschlossenes BWL-Studium ergänzend wirken, aber nicht das Handwerkszeug an die Hand geben, um die restlichen notwendigen Aspekte zu berücksichtigen. Weil sie schlichtweg nirgendwo unterrichtet werden. Man lernt an der Uni weder Gelassenheit in existenzbedrohenden Situationen zu bewahren, noch das Lenken eines Gegenübers in die Position, wo man ihn unbedingt braucht. Auch wird man an der Universität oder an der Hochschule nie Fertigkeiten erlangen, die einen befähigt, die eigene Situation in der gesamten Komplexität zu erfassen und in Windeseile und unter Berücksichtigung sämtlicher Faktoren eine für alle Beteiligten tragfähige Lösung zu erarbeiten. Man erhält nur ganz selten die Chance, ein zweites Mal mit stark verärgerten Gläubigern zu verhandeln, wenn man während des Gesprächs feststellt, dass die vorliegenden Informationen des ehemaligen Geschäftsführers oder der Gesellschafter meilenweit an der Realität vorbei liegen und einem plötzlich die Argumente ausgehen oder die eigene Verzweiflung ob der peinlichen Situation die Herrschaft über den eigenen Geist übernimmt. Diese Situation zu beherrschen, das lernt man nicht in der Schule. Wenn andere aufgeben, mache ich weiter. Hier schließt sich der Kreis zum Söldner: ich bin ein Auftragnehmer mit dem Ziel, einen Angriff abzuwehren. Ob auf eine Schutzperson, eine Institution, eine Industrieanlage oder auf ein Unternehmen, das ist vollkommen irrelevant.

Interviewer: Das ist ein tolles Statement zum Ende dieses Interviews, für das ich mich herzlich bei Dir bedanken muss.

Das Interview führte Dominik Bregner im Februar 2015 kurz vor seinem plötzlichen Versterben während eines Einsatzes in den Gewässern vor der Ostküste Afrikas. Die Gedanken an ihn sind voller Respekt und Dank. Wir sehen uns in Walhalla!